Philosophische Methode
Der “Verisimilismus”: eine Methode, die an die Grundlagen der Sprache rührt, um die Sicherheit der Beziehung zwischen zwei Vorstellungen zahlenmäßig zu bewerten, in einem Text, in dem die Einbildungskraft und nicht die Strenge vorherrscht.
Wir können unsere technische Lehre „den Verisimilismus“, “die literarische Berechnung” oder “eine empirische Mathematik der nichtwissenschaftlichen Texte” nennen. Es handelt sich um eine Technik und nicht um eine Theorie. Eine Theorie ist eine Gesamtheit strenger Beweise, die sich auf denselben Gegenstand beziehen und gleichsam ein System bilden, das jedoch für neue mögliche Entdeckungen offen ist. Eine Technik ist eine Gesamtheit sicherer Kenntnisse über ein und denselben Gegenstand, die durch Herumtasten gewonnen werden. Eine Technologie ist die Anwendung einer Theorie auf die Hervorbringung oder Veränderung materieller Gegenstände. Unter den Techniken münden einige, wie die Herstellung von Werkzeugen aus Stein, in materielle Gegenstände. Andere, wie die schönen Künste, münden in Gegenstände, welche die Frage des Schönen und des Hässlichen nahelegen, was nicht sehr materiell ist. Wiederum andere, wie die Schrift, geben Gegenstände, deren sich unser Geist bedient, namentlich zur Bewahrung der Kenntnisse über die Entfernungen und die Zeitalter hinweg.
Der Verisimilismus ist eine Technik der Analyse der Texte — mündlicher oder schriftlicher —, in denen die Einbildungskraft vorherrscht und in denen die Kontrolle durch Gegenüberstellung mit den Tatsachen sehr nebensächlich bleibt. Der Verisimilismus gleicht somit der Schrift, da er eine Technik ist, die nicht unmittelbar materielle Gegenstände hervorbringt, die jedoch für die Erkenntnis nützlich ist. Nur besteht der Unterschied zur Schrift darin, dass der Verisimilismus, anstatt allein durch Herumtasten gewonnen worden zu sein, aus der Ableitung einer Theorie zu einem Herumtasten herrührt. Die Theorie ist die Wahrscheinlichkeitsrechnung, begründet durch Stevin, Galilei, Fermat, Pascal, die Bernoullis und Bayes. Es gelingt uns nicht, diese Theorie auf die Auslegungen der Texte anzuwenden, und so machen wir eine empirische Nachahmung davon, die nicht mehr Theorie ist, sondern eine philosophisch begründete Technik, deren Zweck es ist, die linguistische oder poetische Erkenntnis, die literarische Analyse oder den Kommentar der schriftlichen und mündlichen, hauptsächlich durch die Einbildungskraft gewonnenen Werke zu bereichern.
Philosophische Begriffe
Es ist unmöglich, die von uns verwendeten besonderen Begriffe rasch zu definieren. Man wird hier also nur zur Einbildungskraft des Lesers sprechen, ein wenig wie ein Physiker, der vorbringen würde, dass die Sonne “brennt”, um auszudrücken, dass eine “Verbrennung” in ihr stattfindet. Auf sehr grobe und ungefähre Weise also bezieht sich ein “Stoß” auf ein Paradox. Eine “Linderungsglosse” verortet ein Problem, ohne es zu lösen. Ein “Schnappschloss” steht in Beziehung zu einem Einfluss, den der Zusammenhang auf die Bildung eines Paradoxes ausübt. Ein “Tartan” bezieht sich auf eine Analogie. Ein “Filz” betrifft eine Stilwendung in Form eines leichten Rätsels. Ein “Rips” verbindet sich mit einer Lautmalerei, einem Übermaß an Zeichensetzung oder einer Art von Wortspiel. Ein “Gummi” betrifft eine Verbindung zwischen Bedeutungen. Für die zahlenmäßig ausgedrückte Glaubhaftigkeit ist der Kanal jener des Stoßes; die Gradiente jene der Glosse; der Ar jener des Schnappschlosses; der Bogen jener des Tartans; das Gitter jenes des Filzes; die Strecke jene des Rips; und das Modul jenes des Gummis. Diese grundlegenden Klärungen werden beim Verständnis der sieben ersten Teile des Buches von Nutzen sein. Der Rest wird von da an für jene, welche die vorangegangenen Etappen durchlaufen haben, leicht zugänglich sein.
Philosophische Strömungen
Die Philosophie der menschlichen Natur von David Hume
Da wir die Verbindung zwischen den Vorstellungen des Gedichts „Entsprechungen“ von Charles Baudelaire darstellen müssen, sind wir dazu geführt, eine Anpassung des Grundsatzes von David Hume — jenem Philosophen, der es wagte, Newton auf analogische Weise nachzuahmen — vorzunehmen, dem zufolge die Vorstellungen umso weniger verbindbar sind, je größer der Abstand zwischen ihnen ist. Anstatt diesen Punkt, wie David Hume, im Geist eines jeden zu betrachten, der an die Natur oder die Erfahrung denkt, betrachten wir die Sache für die im Gedicht ausgedrückten Vorstellungen. Um den logischen Verbindungen Rechnung zu tragen, nehmen wir an, dass sie den Abstand auf das Mindestmaß verringern, sodass es ist, als wären die Vorstellungen in unmittelbarer Berührung miteinander ausgedrückt. «Die Natur ist ein Tempel… Dort schreitet der Mensch…» ergibt trotz des scheinbaren Abstands von «Natur» und «Mensch» einen minimalen Abstand Natur–Mensch dank der logischen Verbindung «schreitet dort». In einem nicht beweisführenden Text sind die Bedeutungen der Wörter beinahe wie Massen im Raum, das heißt, je weiter sie voneinander entfernt sind, desto mehr vergisst das Gedächtnis, sie zu verbinden, und desto weniger ziehen sie einander an (vom Quadrat des Abstands wollen wir nicht sprechen: das ist zu genau). Je beweisführender ein Text ist, desto häufiger sind die Erinnerungen an Bedeutung, von der Art „der Punkt Nummer 1“ oder „wovon wir weiter oben sprachen“, und der Abstand zwischen den Bedeutungen der Wörter wird dadurch aufgehoben. Diese Lage ist also der von uns dargebotenen Untersuchung nicht förderlich, die nur für die imaginativen Texte gilt. Für diese ist es bisweilen sehr einfach: Je näher die Bedeutungen der Wörter beieinander sind, desto mehr ziehen sie einander an. Überdies treffen die Herausforderungen eines Autors, die Paradoxa, die Wortverbindungen — entgegengesetzten Sinnes — den Geist stärker als die gewöhnlichen Bedeutungen, und so ist die Anziehung der Bedeutungen der Wörter noch deutlicher, wenn sie Paradoxa bilden. Diese Lage ist der durchgeführten Untersuchung im höchsten Maße förderlich — der Papagei ist, wie man sagt, eher geneigt, ein Wort zu wiederholen, das er in Begleitung einer starken Gemütsbewegung gehört hat, weil es sich besser in seinem „Gedächtnis“ festsetzt, und wir wären in gewisser Hinsicht so.
Indem wir uns die Lektüre der Literatur über die Literatur auferlegen, stellen wir ein Maß der Glaubhaftigkeit des als ursprünglich gesetzten Sinnes auf, für jeden imaginativen Text, der über mindestens etwa ein Jahrhundert hinweg Gegenstand zahlreicher kritischer Forschungen gewesen ist. Der Teil des Werkes „Sinn und Abstand 1“ nimmt das Beispiel der möglichen Auslegungen von Baudelaires Gedicht und analysiert die Weise, in der sich die Bedeutungen der Wörter anziehen, welche die dargebotenen Paradoxa bilden, und die Weise, in der die Paradoxa selbst („Natur–Tempel“, „lebendige Säulen“, „Weihrauch–verdorben“, „Antworten zwischen Farben, Düften und Tönen“) ihre Verankerung im Geist oder im Gedächtnis wechselseitig verstärken. „Sinn und Abstand 2“ verallgemeinert auf die nicht paradoxalen Probleme, was mit dem vorangegangenen Teil behandelt wurde. Zwei Arten von Verbindungen, die zuvor nicht hinsichtlich ihrer Glaubhaftigkeit gemessen wurden, werden nun in dieser Hinsicht betrachtet. Zunächst die neutralen Feststellungen oder das, was ihnen am ähnlichsten ist, wie die Bestandteile eines Inventars eines Gerichtsvollziehers. So ist etwa «wie lange Echos, die sich in der Ferne vereinen» einer Reihe von Feststellungen nahe: „es gibt Echos“; „einige sind lang“; „einige werden fern vom Hörer gebildet“; „einige vereinen sich“. Die zweite Kategorie von Dingen, die anders als zuvor untersucht werden, das heißt nunmehr metrisch, wird durch die Beziehungen gebildet, die dazu dienen können, im Labyrinth der allgemeinen Vorstellungen die im vorangegangenen Teil behandelten Paradoxa zu verorten. So wird das Paradox „verdorbener Weihrauch“ durch die Verbindungen „Weihrauch–Sinne“ und „Sinnlichkeit–Verderbnis“ zugänglich gemacht. Es wird gezeigt, dass die Bedeutungen der Wörter auch diesmal einander weit mehr in den Lagen anziehen, in denen sie einen geringen Abstand haben, einen zeitlichen, wenn man das Gedicht hört, oder einen räumlichen und zeitlichen, wenn man es liest. Da diese Anziehung weniger deutlich ist als bei den Bedeutungen der Wörter, die Paradoxa bilden, ist die Messvorrichtung länger, denn die Anziehung wird in mehr Fällen vernachlässigbar. Die für die Glaubhaftigkeit dessen, was der Autor sagen wollte, durchgeführte Messung geschieht durch 1/x = 1/qepfzgj, anstatt durch 1/x = 1/tsmw zu geschehen. Es gibt also drei Wirklichkeitsfilter mehr, oder anders gesagt hat die 1 des Zählers dreimal mehr Gelegenheiten, sich zu teilen — namentlich durch 2 —, aufgrund der zahlreichen Vorsichtsmaßnahmen, die im Akt zu treffen sind, dem Autor eine Auslegung seines Textes zuzuschreiben. „Sinn und Abstand 3“ untersucht den Einfluss der Wörter, die nebensächlich erscheinen und neben jene gestellt sind, die ein Paradox bilden.
So zwingt «sieghaft», das neben «verdorben» und «Weihrauch» in „Entsprechungen“ steht, dazu, den „chemischen“ Sinn von «verdorben» beiseitezulassen, um den „moralischen“ Sinn vorherrschen zu lassen. Man hat bereits die Glaubhaftigkeit gemessen, dass der Autor die Paradoxa gewollt hat, und man misst nun die Glaubhaftigkeit, dass er ihre Existenz durch Wörter wie «sieghaft» begünstigen wollte, die neben jene gestellt sind, die sie am unmittelbarsten bilden: «Weihrauch» und «verdorben» für „verdorbener Weihrauch“. Im Vorübergehen bemerken wir, indem wir Baudelaires Gedicht unablässig verändern, um die Texte im Allgemeinen besser zu verstehen, Tatsachen wie die folgende, sehr auffallende. Die beiden Paradoxa „Natur–Tempel“ und „Weihrauch–verdorben“ würden ihren Sinn wechselseitig verstärken, durch eine gegenseitige Einwirkung, in „Die Natur ist ein Tempel, und die Weihräuche sind verdorben“. Doch wenn man „Weihrauch“ entfernt, sowie einen Plural, um „Die Natur ist ein verdorbener Tempel“ zu erhalten, wird das Paradox „Natur–Tempel“ durch das Paradox „verdorbener Tempel“ geschwächt, weil ein verdorbener Tempel nicht mehr ganz ein Tempel ist und somit die Beziehung des Tempels zur Natur weniger befremdlich ist. Man könnte sagen, dass „Weihrauch“ das erste Paradox vor der Verflachung schützt, die eintritt, wenn die beiden Paradoxa vermengt werden. Da es eine ganze Reihe von Beziehungen dieser Art zu erkunden zu geben scheint, hegen wir die gute Hoffnung, dass die dargebotene Methode hinsichtlich der Erfassung solcher genauen Tatsachen fruchtbar sein wird. Die anfänglich den Prinzipien der Philosophie David Humes über den Abstand und die Lockerung der Berührung zwischen den Vorstellungen entlehnte Anleihe mündet somit in neue Untersuchungsgegenstände. Doch von anderen Aufgaben in Anspruch genommen, jenen, die in den Teilen zu erfüllen sind, die gegenwärtig auf den dritten folgen, haben wir die Vertiefung dieser Angelegenheit auf viel später verschoben.
Philosophie von Cournot: Berechnung und Wahrscheinlichkeiten
Wir haben, um unserer empirischen Berechnung der Glaubhaftigkeit als Grundlage zu dienen, eine philosophische Vorstellung von Augustin Cournot nachgeahmt, einem Philosophen des wissenschaftlichen Denkens, der von 1801 bis 1877 lebte. Diese bemerkenswerte Eingebung Augustin Cournots besteht darin, sich die wesentliche Wirklichkeit vorzustellen, die sich inmitten der Unregelmäßigkeiten in den Prozessen abzeichnet, auf welche die Wahrscheinlichkeitsrechnung anwendbar ist. Es ist die berühmte dichte zentrale Spur inmitten der spärlichen Wolke verstreuter Punkte in den Diagrammen der Wahrscheinlichkeit und der Statistik. Gleichwohl wandte der mathematische Philosoph seine Auffassung nicht auf die Untersuchung der Texte an. Entfernen wir uns von seiner Epoche, um das Beispiel einer Erhebung aus den Jahren 1975–80 über den Lungenkrebs zu nehmen, die verwendet wurde, um Schwankungen der Gemütsverfassung und der Ernährungsweise der Patienten sichtbar zu machen. Der eine wird zu viel Kaffee zu sich nehmen; der andere zu viel Alkohol; der dritte wird nicht genug essen; der vierte wird sich im Gegenteil zu sehr ernähren; der fünfte wird unablässig schwermütig sein; der sechste wird aufbrausend sein; andere werden ruhig sein. Gleichwohl wird inmitten dieser Unordnung eine Haupttendenz erscheinen, denn sie werden beinahe alle rauchen. Man wird die vereinzelten Ergebnisse durch Punkte am Rande des Hauptblocks der Antworten darstellen. Der wesentliche Zug hingegen wird sich als eine dunkle Spur darstellen, welche die allgemeine Tendenz ausdrückt. Laplace hatte die Wahrscheinlichkeiten ausgearbeitet, indem er dachte, dass der Zufall für ein sehr mächtiges Denken nicht existiert, dass er jedoch für denjenigen existiert, der die Gesetze der Natur — und der Gesellschaft, die sie fortsetzt, werden wir hinzufügen — nicht genug kennt. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung ist eine Bestimmung eines Determinismus in den Dingen durch uns — sogar mit den Dingen der dichterischen Tätigkeit, muss man noch hinzufügen. Laplace hatte „grosso modo“ recht mit dem Gedanken des Zufalls, der unserer Unwissenheit zuzuschreiben ist, doch Cournot bestand zu Recht auf einer Einzelheit von großem Wert: Der Unterschied zwischen dem Eindruck der Bestimmung und dem Eindruck des Zufalls ist einfach eine Frage des Maßstabs. Wir werden sagen, indem wir sein Denken fortzuführen suchen und mit der subjektiven Ebene beginnen, dass die Wahrnehmung der Tatsachen wie das Wasser geordnet ist. Es gibt den Wasserdampf; das flüssige Wasser; das Eis. Ebenso verhält es sich mit der fraglichen Wahrnehmung. Es gibt, 1.), das Unbekannte, das für das ratlose Individuum, das inmitten einer um es herum von anderen geführten heftigen Handlung erwacht, in alle Richtungen geht; es gibt, 2.), den Zufall oder die Anordnung der Ereignisse, die ihre Bestimmung nur zeigen, wenn sie in großer Zahl dargeboten werden; und es gibt, 3.), die Bestimmung als Nicht-Zufall, wie im Auftrieb des Archimedes für das Schiff, das sich über Wasser hält. Die Verbindung wird durch die Tatsache betont, dass das Schwimmen des Schiffes anfangs nicht verstanden wird. Auf der objektiven Ebene nun lassen wir in der Vorstellung 1.) beiseite und koppeln sodann 2.) und 3.), indem wir einen Übergang zwischen beiden annehmen, jedoch ohne eine „leibnizsche“ Kontinuität vorzustellen, also indem wir uns mit einer Abstufung zwischen den Positionen durch winzige Diskontinuitäten begnügen. Ob es Zufall, 2.), oder Bestimmung, 3.), gibt, ist nur eine Frage des Maßstabs. Die Bestimmung ist einzig die Tatsache, dass die verstreuten Unregelmäßigkeiten, welche die zentrale Tendenz umgeben, vernachlässigbar werden. Eine absolute Intelligenz würde also diese Frage des Maßstabs wahrnehmen. Die bestimmende Verwendung des Zufalls beruht ohnehin auf dem „Gesetz der großen Zahlen“ oder dem „Theorem von Bernoulli“. Wenn man einige Münzwürfe betrachtet und auf ein Ergebnis gewettet hat, hat man den Eindruck, dass „Kopf“ und „Zahl“ durch Glück oder Unglück eintreten. Doch wenn man tausend Würfe sieht, hat man den Eindruck der Regelmäßigkeit mit etwa ½ „Kopf“ und etwa ½ „Zahl“. Augustin Cournot glaubte, mit solchen Vorstellungen die Wirtschaft zu kennen, und es ist nicht sonderlich erstaunlich, dass die Stilistik als ein neues Gebiet gesehen werden kann, das auf diese Weise zu erobern ist. Der Unterschied dürfte darin bestehen, dass wir uns eine große Zahl von Freiheiten mit der Mathematik erlaubt haben — was dem Essay zweifellos stark schadet — und dass wir nicht wissen, wie man es besser machen könnte.
Was den Inhalt der Texte betrifft, so urteilen wir, dass die häufigsten Auslegungen auch die solidesten sind. Der sicherste Sinn, den die Kritik erreichen kann, zeichnet sich im Laufe der Zeit schließlich ab. Er ist von Generationen von Kritikern gefiltert worden. Er bildet dann die Haupttendenz der Kommentare und ist dem Text geschuldet. Die in Eile angenommenen phantastischen Bedeutungen hingegen erscheinen als verstreute Launen, inmitten deren einzig der Hauptsinn fest bleibt, einer ausgeprägteren Spur inmitten einer “Wolke” verstreuter Punkte gleich. Für „Entsprechungen“ sieht dieser Baudelaires «Natur» als eine Geliebte, jener sieht sie, wie es die Philosophen-Magier der alexandrinischen Dekadenz taten, der dritte stellt sie sich als eine böse Stiefmutter vor, der vierte setzt sie mit dem Himmelsgewölbe gleich, doch alle stimmen darin überein, dass es ein Paradox ist, sie «einen Tempel» zu nennen. Man muss dann die Wahrscheinlichkeitstheorie nachahmen, indem man mit Annahmekriterien spielt, die in zahlenmäßige Werte münden. Dabei nehmen wir zahlreiche empirische Anpassungen der Berechnung vor, um uns dem neuen zu behandelnden Gegenstand anzuschmiegen. Wenn eine Bedeutung durch ihre Bestätigung von Kritiker zu Kritiker erwiesen ist, halten wir sie für jene, die vom Autor gewollt wurde, und gewähren ihr die höchste Glaubhaftigkeit: 1/1. Sodann suchen wir die Lage jeder anderen Auslegung, die um dieselben Wörter des Textes kreist, auf einer Skala, die von 1/1 bis zu den vernachlässigbaren Werten <1/16 reicht. Da der Sinn der Wörter durch eine wirkliche Wahrscheinlichkeitsrechnung schwer zu behandeln ist, führt man je nach den angetroffenen Schwierigkeiten „ad hoc“-Veränderungen ein, was zwar Messungen ergibt, jedoch im Rahmen einer herumtastenden Technik, die nicht im starken Sinne des Wortes beweist. Man vermeidet dann in der Darlegung alle Begriffe wie „Wahrscheinlichkeit“, „Wissenschaft“, „Hypothese“, „Beweis“ und setzt nur “Glaubhaftigkeit”, „Wissen“ oder „Erkenntnis“, „Annahme“, „Erklärung“. Die Glaubhaftigkeiten sind wohl ein Verhältnis 1/x wie bei den Wahrscheinlichkeiten, doch 1/x wird auf sehr empirische Weise und beständig mit dem einzigen Beispiel von „Entsprechungen“ gefunden.
Die Kriterien-Maße sind t, s, m, w in 1/tsmw für „Sinn und Abstand 1“. Es sind q, e, p, f, z, g, j in 1/qepfzgj für „Sinn und Abstand 2“. Es sind t*, s*, q*, e*, p*, f*, z*, g*, j* für 1/t*s*q*e*p*f*z*g*j* für „Sinn und Abstand 3“. Die Filterung der missbräuchlichen Auslegungen wird durch diese Maße ermöglicht. Man bemerkt, dass das Ergebnis für alle „an den Haaren herbeigezogenen“ Auslegungen eine große zahlenmäßige Schwäche zeigt. Die Methode wird also jenen schaden, die vorgeben, aus einem Text einen erfundenen Sinn herauszuziehen, wie der Taschenspieler das Kaninchen aus dem Hut, nachdem sie ein rhetorisches und gesellschaftliches Arrangement getroffen haben, das zur Wirkung hat, die Illusion hervorzurufen. Man stützt sich im höchsten Maße auf die Literaturgeschichte, um die phantastischen Auslegungen als solche zu erkennen und sie von den sehr seltenen, zugleich guten und schwer zu findenden Vorstellungen zu trennen. Die Gesamtheit der Tatsachen und der Aufgaben zeichnet sich nach und nach ab. Der Autor hat Paradoxa gewollt, er hat Mittel eingerichtet, um sie zu durchstoßen, und auch Mittel, um sie zu stabilisieren, durch Mikro-Verriegelungen des Sinnes, dank der Wörter, die jenen der fraglichen Paradoxa benachbart sind. Die angenommenen Absichten des Autors, oder die Auslegungen, werden schließlich als „sehr glaubhaft“, „wenig glaubhaft“, „von vernachlässigbarer Glaubhaftigkeit“ gemessen. Gestehen wir es ein: Oft fällt die höchste Glaubhaftigkeit einfach den Vorstellungen zu, die vom Publikum des Textes unmittelbar gefunden wurden. Die Hunderte von Auslegungen, die ein Jahrhundert lang oder länger durch den Filter der Angriffe der Kritiker hindurchgehen, enthalten als das Beste das, was unablässig wiederkehrt, das, was niemand zu vertreiben vermag, weil es wahr ist — «die Wahrheit ist der Maßstab ihrer selbst» auf sehr lange Sicht. Schlicht können die Ausleger nicht darauf verzichten, da es aus dem Text selbst stammt. Aus dem Durcheinander also, aus der “Wolke” der in alle Richtungen gehenden Auslegungen, zeichnet sich die Haupttendenz ab, gebildet aus den besten Vorstellungen, die dem Text am treuesten sind und die jene sind, deren die Ausleger am meisten bedürfen. Man wird, indem man die Kritik zu Rate zieht, zum Verwahrer der “Wolke” der Auslegungen, die nun das eigene Gedächtnis bewohnen kommen — und auch, glücklicherweise, ist man der Verwahrer jener Haupttendenz, welche die “Wolke” durchzieht. Dann beginnt ein neuer Prozess auf diesem neuen Maßstab und auf einer höheren Ebene. Wenn man sieht, dass man unablässig derselben Kriterien bedarf, um die illusorischen Bedeutungen vom Hauptsinn zu trennen, macht man daraus die Mittel, die Glaubhaftigkeit zu messen. Es ist der Prozess der Induktion, einer der treuesten Erzeuger substanzieller Vorstellungen, neben der Wahrnehmung und der Deduktion.
Anwendung: die Literatur, Untersuchung literarischer Texte
Das Interesse der literarischen Texte
Da «Entsprechungen» nach zahlreichen Auslegern „Analogien“ bedeutet, mussten wir früher oder später die Stilwendungen desselben Namens behandeln, die in der Weltliteratur häufig sind. „Sinn und Abstand 4“ gelangt so zur Behandlung der Probleme der Rhetorik, indem es einige wichtige Tropen untersucht, und unter ihnen, um im bestbekannten Bereich zu bleiben, den Vergleich und die Metapher. Die Kenner befragen sich gewöhnlich über die Triebfedern dieser Figuren, und wir behandeln diesen Punkt, indem wir eine rasche, aber erhellende Beobachtung aus der „Poetik“ des Aristoteles nutzen, deren Bedeutung Vuillemin hervorgehoben hat. Dies erlaubt die Entfaltung der Annahme, der zufolge die mathematische Analogie, vom Modell 2/3 = 4/6, die logische Grundlage einer Familie von vier Tropen zu sein scheint, deren Typen „das Alter für das Leben ist der Abend eines Tages“, „das Alter ist der Abend des Lebens“, „das Alter ist wie ein Abend“, „das Alter ist ein Abend“ sind. Indem man diese Gesamtheit durch ihre inneren Verbindungen kennzeichnet, wendet man auf den neuen Gegenstand die zentrale Sichtweise des Essays an, um sich zu fragen, ob irgendein imaginativer Autor, Barde oder Schriftsteller, literarischer Ruhm oder obskurer Erzähler der mündlichen Überlieferung, vereinzeltes Individuum oder Sprachrohr einer Gemeinschaft, der für die Mythologie oder die Dichtung wirkt, wirklich diese oder jene Stilfigur darbieten wollte, die ein Ausleger in seinem Text wahrgenommen hat, oder ob, im Gegenteil, der Kritiker sie erfunden hat, ausgehend von zu wenig im betrachteten Werk. Indem man von einem dieser Extreme zum anderen einen leibnizschen oder bernoullischen Übergang ersinnt, stellt man ein Maß der Gewissheit hinsichtlich des Vorhandenseins, in den imaginativen Texten, der Wendungen auf, die einer der vier untersuchten Arten von Analogie angehören. Dazu wird ein Teil der zuvor in der fortschreitenden Sichtung des Glaubhaften und des Unglaubhaften verwendeten Mittel wiederverwendet.
„Sinn und Abstand 5“ untersucht Wendungen, die den vorangegangenen benachbart sind, namentlich jene der Typen „ich erblicke ein Segel“, „er hat alle Zepter Europas besucht“, „wie ich sein Fahrrad liebe“, „sie werden ihn verschwinden lassen“, «Geh, ich hasse dich nicht.» Dieselbe Vorstellung über den Abstand steht dieser neuen Entfaltung vor. Betrachten wir den Text „die Gesellschaft braucht euch, Resonanzkörper, Warnwerkzeuge, und vergessen wir nicht, dass in einem wichtigen Augenblick der allgemeinen Krise der Sitten auch er seine Rolle gespielt hat, Baudelaire". Die Figur „Sie sind ein Baudelaire“ wird weniger glaubhaft sein als mit „die Gesellschaft braucht euch, auch Baudelaire hat seine Rolle gespielt“. Mit einem Wort, in allen Fällen, die hier die Gegenstände der Untersuchung der Teile I, II, III, IV, V, VI und VII des Essays bilden, ersetzt das Gedächtnis die in den verbalen Gebräuchen wohlbekannten kodifizierten Verbindungen, wenn diese fehlen. So verhindert für zwei Wörter, die der Autor willentlich durch eine grammatische Anordnung vereint hat, wie «verdorben» und «Weihrauch» im Gedicht, ihr Abstand nicht ihre Beziehung. Doch für das Übrige verdanken in einem imaginativen Text zwei Vorstellungen ohne ausdrückliche Verbindung ihre Verknüpfung der Erinnerung an die erste, wenn die zweite behandelt wird. Daraus folgt, dass sich ihre Beziehung mit ihrem Abstand abschwächt. Die Massen werden nach Newton im Raum wechselseitig im umgekehrten Verhältnis zum Quadrat ihres Abstands angezogen. Man stellt sich vor, dass sich unter gewissen Bedingungen und innerhalb ein und desselben Textes die Bedeutungen umso mehr anziehen, je näher sie beieinander sind, und umso weniger, je weiter sie entfernt sind. Dazu darf die Abfassung nicht streng sein, was erklärt, dass die Methode nur für imaginative Texte von Interesse ist.
Wahl von „Entsprechungen“, dem Gedicht Baudelaires
Wir müssen unserem Vorgehen eine unerreichte, wenngleich hinkende und so gewöhnliche Auffassung anpassen, dass man sie einer großen Zahl verschiedener Gelehrter zuschreibt: die experimentelle Methode. Indem man sich auf sie stützt, lässt man jedes durch Herumtasten erfundene zahlenmäßige Kriterium Prüfungen durchlaufen, mit dem einzigen Ziel, eine eigens gesuchte oder uns seit einer Weile bekannte Unglaubhaftigkeit einer literarischen Auslegung zu messen. Um zu vermeiden, dass die vorläufige Synthese der Kriterien der Unglaubhaftigkeit unscharf sei, nimmt man neue Versuche vor, mit ihnen allen, diesmal zusammen genommen, indem man verschiedene Größen in vielfältigen Aspekten unter den untersuchten variieren lässt, um die Messung zu vervollständigen. Am Ende jedes Vorgehens bleibt, um die gesuchte Größe der Glaubhaftigkeit zu erhalten, nur noch, den Kehrwert der Unglaubhaftigkeit zu nehmen, also den zahlenmäßigen Kehrwert des Produkts der Kriterien der Unglaubhaftigkeit. Da die großen Werke ihre schulische Bearbeitung überlebt haben, sollten sie ebenso unseren Versuchen widerstehen; und man darf nicht mit Eifer geltend machen, dass es am besten wäre, den Text zu schreiben, ohne ihn jemals zu entlehnen, denn rasch käme der Verdacht auf ihn, einzig zur Verteidigung der dargebotenen Analyse geliefert worden zu sein, und somit letztlich, um eitel zu glänzen.
Was uns betrifft, so haben uns gerade die Vorlieben und Ratschläge unserer Eltern sowie jene unserer Lehrer sehr früh zu Baudelaire, zu „Les Fleurs du mal“ und zu „Entsprechungen“ hingelenkt, sodass dieses Gedicht seit sehr langen Jahren ein bequemer Gegenstand der geistigen Übung ist, den wir häufig im Sinn haben, um zu erproben, was wir auf dem Gebiet der Auslegung denken. Es ist sodann gleichsam zu einer tragbaren Werkstatt der poetischen Linguistik geworden, jederzeit geöffnet, und selbst in Lagen, in denen nichts es erlaubt, irgendeine Vorstellung zu notieren.