Untersuchungsgegenstand

Charles Baudelaire und seine Zeit

Das Sonett Entsprechungen, 1857 in Les Fleurs du mal erschienen, ist unser Untersuchungsgegenstand. Der Dichter, sein Werk und der historische Kontext der Veröffentlichung.

Les Fleurs du mal

Verurteilung der Sammlung

Im Jahr 1857 hält das Zweite Kaiserreich Napoleons III. Frankreich unter seiner dem Anschein nach autokratischen Vormundschaft, doch lässt die Epoche die Industrie, das Bankwesen und die Verkehrswege sich entwickeln, und dies durch Männer, die zu einem großen Teil zutiefst korrupt sind. Es ist daher erstaunlich zu sehen, dass „Les Fleurs du mal“, die Sammlung Baudelaires, in der „Entsprechungen“ steht, kurz nach ihrer Veröffentlichung verurteilt wurde. Das liegt daran, dass die Diktatur ihre Stützen auch den auf der Ebene der für die breiten Bevölkerungsschichten gewünschten Moral konservativsten Kreisen verdankt. Nun enthält das zu einem geringen Preis verkaufte Buch Baudelaires Stücke, die für geeignet befunden wurden, dem einfachen Volk schlechte Beispiele zu geben. Die strenge Überwachung der Bestrebungen nach freieren Sitten als jenen der jüngsten Epochen begleitet somit den wirtschaftlichen Wandel des Landes. Wir werden dieses Jahr 1857 für unsere Verweise auf die Texte Baudelaires kaum überschreiten. Möglicherweise mag die folgende Epoche „Entsprechungen“ etwas verdanken, doch wäre es ungereimt, als Quelle des Gedichts Ereignisse zu nehmen, die nach seiner Veröffentlichung eingetreten sind.

Historische Einzelheiten

Charles Baudelaire beginnt am 25. Juni 1857, „Les Fleurs du mal“ veröffentlichen zu lassen. Die erste Auflage von 1300 Exemplaren wird in Alençon gedruckt. In einem Artikel des „Figaro“ wirft Gustave Bourdin Baudelaire am 5. Juli 1857 sein Schreiben vor sowie das, was ihm die Themen der Sammlung auszumachen scheint: «Es gibt Augenblicke, in denen man am Geisteszustand des Herrn Baudelaire zweifelt, und es gibt solche, in denen man nicht mehr daran zweifelt: — es ist zumeist die eintönige und vorsätzliche Wiederholung derselben Dinge, derselben Gedanken. Das Verhasste grenzt darin an das Niederträchtige; das Abstoßende verbündet sich darin mit dem Widerwärtigen…» Am 7. Juli ruft die Leitung der öffentlichen Sicherheit die Staatsanwaltschaft an, wegen «Beleidigung der öffentlichen Moral» und wegen «Beleidigung der religiösen Moral». Am 20. August 1857 verurteilt die Justiz durch die 6. Strafkammer Charles Baudelaire und seinen Verleger Poulet-Malassis zu 300 beziehungsweise 200 Franc Geldstrafe wegen «Beleidigung der öffentlichen Moral und der guten Sitten» und dazu, aus der Sammlung sechs Gedichte zu entfernen — „Lesbos“, „Verdammte Frauen“ (LXXXI), „An jene, die zu heiter ist“, „Die Metamorphosen des Vampirs“, „Die Juwelen“, „Der Lethe“. Anfänglich waren dreizehn Gedichte ins Visier genommen, doch schließlich wurden sechs getroffen.


Biografie von Charles Baudelaire

Geburt und Kindheit des werdenden Dichters

Charles Baudelaire ist ein französischer Dichter, der von 1821 bis 1867 lebte. Sein Großvater mütterlicherseits war ein französischer Soldat, der England gegen die Französische Revolution gedient hatte. Seine Tochter, die Mutter des Dichters, wurde in der englischen Pfarrei Saint Pancras geboren. Der Vater des Dichters war ein ehemaliger Priester, der sehr früh Erzieher in der Familie von Choiseul-Praslin geworden war, indem er vor der Revolution die katholische Kirche verließ. Da er die seiner Obhut anvertrauten Kinder beschützt hatte, erhielt er von seinen erlauchten Arbeitgebern ein Exemplar einer auf Italienisch geschriebenen Monografie, „Le Antichità di Ercolano esposte“, ein Werk in neun Bänden aus den Jahren 1757–1792, das den durch den Ausbruch des Vesuvs von 79 bewahrten Teil der antiken Kultur behandelte. Mit sechzig Jahren heiratete dieser Kunstliebhaber jene, die die Mutter des Dichters werden sollte. So lebte das Kind umgeben von Möbeln im Stil Ludwigs XVI., von Statuen, Pastellen und Gouachen. In der Familie oder unter Freunden sprach man, wie es scheint, viel über Ästhetik.

Jugend und frühe Jahre des Dichters

Der Vater starb 1827, und die Mutter heiratete 1828 erneut, einen Offizier, den Bataillonschef Aupick. Während zahlreicher Jahre verstand sich der künftige Dichter sehr gut mit seinem Stiefvater und absolvierte ausgezeichnete klassische Studien, nur getrübt durch seine gelegentliche Disziplinlosigkeit, die ihn nicht daran hinderte, ein Meister in lateinischen Versen zu sein. Die Dinge verschlechterten sich weit mehr, als er seine finanzielle Unabhängigkeit erlangen wollte. Der junge Mann musste eine Reise nach Indien hinnehmen. Baudelaire brach seine erzwungene Reise ab, behielt jedoch eine tiefe Erinnerung an das, was wir Réunion und Mauritius nennen, die damals erblickten Inseln des Indischen Ozeans. Kurz nach seiner Rückkehr, für zu verschwenderisch befunden, wird ihm 1844 ein gerichtlicher Beistand zur Seite gestellt, der beauftragt ist, ihm nur sparsam zu geben, was von seinem Anteil am väterlichen Erbe übrig bleibt.

Die Dichtung Baudelaires

Charles Baudelaire verbringt beträchtliche Zeit in den Museen oder Ausstellungen und widmet sich der Kunstkritik. Er verkehrt, schon seit einigen Jahren, mit mindestens einer Prostituierten, beginnt sodann mit einer Geliebten zu leben, und noch mit einer weiteren. Erwähnen wir insbesondere eine Mulattin, Jeanne Duval. Da er sich sehr früh durch Venus für krank hält, behandelt er sich mit sehr reizenden Mitteln und beruhigt sich durch das Opium. Er nimmt an der Revolution von 1848 teil, trotz oder wegen der äußerst konservativen Atmosphäre seines Herkunftsmilieus, und verliert sodann nach und nach das Interesse an der sozialen Frage. Hingegen erwirbt er sich unter seinesgleichen einen soliden Ruf als Dichter der Katzen. Er dichtet oft auch über das Thema der Stadt und über jenes von Paris im Besonderen. Baudelaire übersetzt Edgar Poe ins Französische und dichtet nach und nach die Gedichte dessen, was sein Hauptwerk „Les Fleurs du mal“ werden wird. Im Laufe der Jahre denkt er an andere Titel für eben diese in Entstehung begriffene Sammlung: „Les Limbes“ und „Les Lesbiennes“. Im Jahr 1857, beim Erscheinen des Buches, wird ihm ein Prozess gemacht, und er wird zu einer Geldstrafe verurteilt, aber auch dazu, aus der Gesamtheit mehrere für unschicklich befundene Dichtungen zu entfernen.

Entsprechungen — Les Fleurs du Mal

Wir lassen den Rest von Baudelaires Leben beiseite, da „Entsprechungen“ in eben diesem Jahr 1857 veröffentlicht wurde und da die beste historische Methode, die deshalb jener innewohnt, die in der Poetik verwendet wird, es verbietet, durch Anachronismen zu urteilen. Wer wagte in der Tat zu behaupten, dass der Baudelaire von 1866 jenen von 1857 beeinflusst hat?